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03.02.2025 / 23:00 Uhr

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  • Wir gedenken Akira Ifukube (31.05.1914 - 08.02.2006).

Akira Ifukube – Klangarchitekt des japanischen 20. Jahrhunderts

Akira Ifukube war einer jener Künstler, die man nicht einfach hört, sondern erlebt. Seine Musik ist weniger Begleitung als Kraftfeld, weniger Hintergrund als Identität. Geboren wurde er 1914 auf Hokkaidō, der nördlichsten und rauesten der japanischen Hauptinseln. Dort, wo die Winter hart sind, die Wälder dicht und die Kultur der indigenen Ainu bis heute spürbar ist. Diese Umgebung prägte ihn tief – und sie erklärt, warum seine Musik so oft nach Erde, nach Holz, nach archaischer Energie klingt.

Sein Vater war Polizeibeamter, seine Mutter stammte aus einer Familie, die eng mit den Ainu verbunden war. Der junge Akira wuchs also in einem kulturellen Spannungsfeld auf: traditionelle japanische Musik, Ainu‑Rituale, westliche Klassik, die über Schallplatten ins Haus kam. Er war Autodidakt, neugierig, wissbegierig – und doch entschied er sich zunächst für einen ganz anderen Weg. Er studierte Forstwissenschaften und arbeitete später als Forstbeamter. Die Natur war sein erster großer Lehrer.

Doch die Musik ließ ihn nicht los. In den 1930er‑Jahren begann er zu komponieren, zunächst für kleinere Ensembles. 1935 gewann er mit seiner Japanese Rhapsody einen internationalen Wettbewerb, organisiert vom russischen Komponisten Alexander Tscherepnin. Dieser Preis war ein Paukenschlag: Plötzlich war der junge Mann aus Hokkaidō ein Name, nicht nur in Japan, sondern auch im Ausland. Tscherepnin wurde zu einer Art Mentor und ermutigte Ifukube, seinen eigenen Weg zwischen westlicher Moderne und japanischer Tradition zu finden.

Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Ifukube weiter als Forstwissenschaftler, zog sich aber durch eine Strahlenvergiftung aus der beruflichen Praxis zurück. Die Musik wurde nun endgültig sein Lebensweg. Nach dem Krieg begann er, Filmmusik zu schreiben – zunächst für kleinere Produktionen, dann für die großen Studios in Tokio.

1954 kam der Moment, der sein Leben und die Popkultur verändern sollte: Godzilla. Der Regisseur Ishirō Honda und Produzent Tomoyuki Tanaka suchten nach einem Klang, der das Unfassbare ausdrücken konnte – ein Wesen, das Naturgewalt, Atomalptraum und Mythos zugleich war. Ifukube fand diesen Klang. Sein Hauptthema, ein schwerer, marschartiger Rhythmus, getragen von tiefen Blechbläsern, wurde zum akustischen Symbol des Monsters. Und das berühmte Godzilla‑Brüllen? Kein Tierlaut, sondern ein experimenteller Effekt: ein mit Harz präparierter Kontrabass, über dessen Saiten ein Lederhandschuh rieb. Ein Sound, der bis heute unverwechselbar ist.

In den folgenden Jahrzehnten komponierte Ifukube für mehr als hundert Filme. Er definierte den Klang des Kaijū‑Genres, aber er war nie darauf reduziert. Er schrieb Musik für historische Epen, für Dramen, für Animationsfilme. Seine Partituren sind oft rhythmisch kraftvoll, mit deutlichen Einflüssen der Ainu‑Musik, aber auch geprägt von westlicher Harmonik und orchestraler Wucht. Er war ein Brückenbauer zwischen Welten.

Parallel dazu blieb er der Konzertmusik treu. Werke wie die Sinfonie Nr. 1, die Ballata Sinfonica oder seine zahlreichen Stücke für traditionelle Instrumente zeigen eine andere Seite: den ernsthaften Komponisten, der sich mit Identität, Geschichte und Natur auseinandersetzt. 1974 wurde er Professor am Tokyo College of Music, später sogar dessen Präsident. Viele seiner Schüler wurden selbst prägende Stimmen der japanischen Musiklandschaft.

Ifukube war ein Mann, der sich nie in den Vordergrund drängte. Er lebte zurückgezogen, arbeitete diszipliniert und sprach selten über sich selbst. Doch seine Musik spricht umso deutlicher. Sie erzählt von Landschaften, von Mythen, von der Kraft der Natur und der Fragilität des Menschen. Sie ist zugleich modern und uralt, filmisch und symphonisch, japanisch und universell.

Als Akira Ifukube 2006 im Alter von 91 Jahren starb, hinterließ er ein Werk, das weit über die Filmmusik hinausreicht. Und doch ist es gerade die Popkultur, die ihn unsterblich gemacht hat. Jede neue Godzilla‑Verfilmung, jeder Remix, jede Hommage trägt ein Stück seiner Handschrift. Seine Klänge haben Generationen geprägt – und sie tun es bis heute.

Akira Ifukube war mehr als ein Komponist. Er war ein Klangarchäologe, ein Forscher der Emotionen, ein Mann, der die Musik Japans in die Welt getragen hat. Und vielleicht ist das sein größtes Vermächtnis: dass seine Musik uns daran erinnert, wie mächtig Klang sein kann, wenn er aus einer tiefen, authentischen Quelle kommt.

Ohrsicht-Radio Livestream

Die Sendung wird am 4. Februar 2026 um 19:00 Uhr Im Programm von Ohrsicht-Radio wiederholt.

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