×

Hinweis

EU e-Privacy Directive

This website uses cookies to manage authentication, navigation, and other functions. By using our website, you agree that we can place these types of cookies on your device.

View e-Privacy Directive Documents

You have declined cookies. This decision can be reversed.

Rachel Portman bei der Soundtack_Cologne 10Stefanos Tsarouchas: Vor zwei Wochen war ich auf einer anderen Filmmusikveranstaltung (6. Filmmusiktage Sachsen-Anhalt, Anm.). Bei der Abschlussdiskussion fragte der Moderator die Komponisten, ob sie nicht Musik für den Massengeschmack schreiben würden. Es fehlt die Originalität. Wie sehen Sie das?

Rachel Portman: Ich denke nicht an den Effekt, den meine Komposition auf das normale Publikum. Die Frage ist immer, die beste Musik für den jeweiligen Film zu finden, an dem ich arbeite. Wenn ein Film eine individuelle Stimme braucht, würde ich eine individuelle Note finden. Ich glaube, die Musik, die ich schreibe, ist immer sehr persönlich und einzigartig. Ich arbeite so, dass mir nicht bewusst ist, welchen Effekt etwas haben wird. Mich interessiert nur das Projekt an dem ich im Moment arbeite.

S. Tsarouchas: Wie stark ist Ihre Position, wenn es um Gespräche mit Produzenten und Regisseuren geht?

R. Portman: Wenn ich an einem Film arbeite, glaube ich, dass ich einen Job für den Regisseur erledigen muss, ganz besonders für den Regisseur, manchmal auch für den Produzenten. Ich wurde engagiert um Musik für ihre Filme zu schreiben. Mein Job ist es, das zu tun, was sie sagen. Andererseits respektieren sie meine Meinung, weil ich über die Jahre sehr viele Erfahrungen gesammelt habe. Ich weiß, was geht und was nicht so gut ist. Mein Job als Komponist ist eine feine Balance zwischen dem was ich denke, was richtig ist, was der Regisseur will und es ist eine Frage, beides zu verbinden. Dann ist man auch nicht unglücklich. Ich würde nie etwas tun, wo ich wirklich unglücklich wäre. Anderseits wäre ich aber schon bereit, sehr viel von dem zu ändern, was ich komponiert habe um die Vision des Regisseurs zu vollenden.

S. Tsarouchas: Ich habe diese Frage gestellt, weil ich vor drei Wochen Alan Taylor, den Regisseur von THOR - THE DARK KINGDOM getroffen habe. Ich habe ihn gefragt, warum Musik von Anfang bis Ende verwendet wurde. Er fing an meine Frage zu beantworten. Dann hat aber Kevin Feige, der Produzent übernommen. Auf mich wirkte Alan Taylor wie ein schwacher Regisseur. Sie haben mit ihm gearbeitet. Wie lief die Zusammenarbeit mit Alan Taylor?

R. Portman: Ich habe zweimal mit Alan Taylor gearbeitet. Ich bin ein großer Fan von Alan. Ich denke, er ist ein großartiger Regisseur. Am besten gefällt mir von ihm PALOOKAVILLE. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, das war sein erster Kinofilm. Er ist wirklich wunderbar. Ich kann den Film nur empfehlen, falls ihn jemand noch nicht gesehen hat. Es ist ein sehr witziger Film. Es hat Spaß gemacht, dafür die Musik zu schreiben. Das ist ein ganz anderer Film als THOR - THE DARK KINGDOM, den ich nicht gesehen habe. Ich finde es interessant, dieses Gefühl bei diesen Big Budget Filmen, man muss ständig Musik haben. Das ist etwas, an das sich das Publikum auch mehr und mehr gewöhnt, Musik ständig zu hören. Das war auch so beim letzten JAMES BOND Film. Dieser ständiger Puls und mir ist er aufgefallen, als ich den Film sah. Wie würde SKYFALL wohl ohne Musik in dieser Szene sein? Würde der Film auch ohne Musik funktionieren? Ich glaube mehr und mehr, wäre eine Szene wirklich so interessant, wenn es nicht auch dieses interessante Musik geben würde, die man ständig hört? Ist es vielleicht besser keine Musik zu haben? Das ist eine große Frage, wie Filme gemacht werden. Ich habe das Gefühl, große Blockbuster Filmen verlassen sich viel zu sehr auf Musik um die Handlung voran zu bringen. Das führt dazu, dass sich das Publikum mehr und mehr daran gewöhnt, während sich vielleicht einige der interessanteren Filme aus Europa oder unabhängige amerikanische Filme nicht so sehr auf Musik verlassen.

S. Tsarouchas: Sie haben einen Oscar für EMMA bekommen. War es im Rückblick vielleicht eher hinderlich? Ich habe das Gefühl, das Sie eher als Komponistin für romantische Komödie gesehen wurden. War der Oscar für Ihre Karriere hilfreich?

R. Portman: Nein, ich glaube nicht, dass ich durch den Oscar für EMMA als Komponistin für romantische Komödien gesehen wurde. Vielleicht ist ein Vorurteil bei einigen Leuten. Ich bin eine Frau und habe einen Oscar für einen Kostümfilm über eine andere Frau bekommen. Das ist alles was ich kann, aber das ist falsch! Nach EMMA habe ich mit Jonathan Demme bei MENSCHENKIND (1998, Anm.) und DER MANCHURIAN KANDIDAT (2004, Anm.) zusammengearbeitet. Das war ein sehr dunkler Männerfilm, sehr, sehr anders. Ich versuche so viele verschiedene Dinge zu machen wie ich kann. Ich genieße es in anderen Musikbereichen zu arbeiten, so dass ich reflektieren kann. Ich werde nicht oft gefragt, das gleiche zu machen. Ich bin auch nicht daran interessiert mich zu oft zu wiederholen.

S. Tsarouchas: Behalten Sie manchmal Melodien im Hinterkopf, die sie bei einem Film nicht verwenden konnten um sie woanders unterzubringen? Oder versuchen Sie alles zu vergessen?

R. Portman: Es ist fast unmöglich Musik zu recyceln. Wenn ich eine Meldie für einen Film schreibe und der Filmemacher sagt: „Nein, nein, wir wollen etwas anderes.“, ist es eine gute Melodie, behalte ich sie. Ich habe aber gemerkt, dass ich sie nicht nochmal verwende, weil jedes Musikstück, das ich für einen Film schreibe so speziell ist. Man kann es nicht woanders verwenden. Man kann vielleicht aus einem kleinen Stück etwas Neues entwickeln, aber in der Regel kann man es nicht noch einmal verwenden.

S. Tsarouchas: Sie haben mehrere Male mit Ihrem Mann (Uberto Pasolini, Anm.) zusammengearbeitet. Wie funktioniert es, wenn er Produzent und oder Regisseur ist?

R. Portman: Das ist genauso wie bei irgendeinem anderen Film. Natürlich gibt es eine gute Kommunikation, weil wir uns so gut kennen. Davon abgesehen ist es wie bei jedem anderen Film. Es ist nicht anders. Ich gebe mir nicht mehr Mühe. Ich werde meine Meinung vielleicht stärker verteidigen (lacht, Anm.), wenn ich glaube, dass ich Recht habe. Ansonsten ist es wie immer und es ist schon.

S. Tsarouchas: Welche Art von Regisseur bevorzugen Sie? Jemanden, der musikalisch gebildet ist und sehr genau ist? Oder finden Sie Regisseure besser, die sich anhand von Gefühlen mit Ihnen sprechen?

R. Portman: Die größte Hilfe ist es, wenn der Regisseur nicht zu musikalisch gebildet ist. Es ist nicht hilfreich, wenn jemand sagt: „Oh, ich liebe das Cello. Ich habe immer gedacht, dass Cello wäre schön bei diesem Film.“ Ich denke dann: 'Oh, ich weiß nicht, ob ich ein Cello nehmen würde'. Es ist am besten, wenn der Regisseure keine musikalischen Bezüge macht wie: „Oh, ich mag Prokofjew sehr und ich dachte der Score sollte nach Prokofjew klingen.“ Dafür ist der Komponist aber nicht da. Er will etwas Eigenes komponieren. Mein idealer Regisseur würde jemand sein, der Musik versteht, der mir erklärt, welche Musik er haben will. Sie soll düster sein, geheimnisvoll und das reicht mir. Weniger hilfreich wäre: „In Durtonart“, Je genauer die Musik sein soll, desto schwieriger ist es für den Komponisten.

S. Tsarouchas: Was ist für Sie als Komponistin eine Herausforderung?

R. Portman: Eine Herausforderung für mich als Komponist ist es, wenn ich keinen Bezug zum Material finde. Das passiert sehr selten, aber manchmal gerade ich an einen film und ich denke: 'Ich mag den Film nicht so sehr, wie ich gehofft habe!' Das passiert nicht sehr oft, aber das ist die größte Herausforderung, aber dann gibt es immer irgendetwas, das man bei jeden Film finden kann. Mein Ziel ist es bedeutungsvoll zu machen.

S. Tsarouchas: Sie sagen also nicht zum Regisseur: Es tut mir Leid, ich hab's versucht.

R. Portman: Nein, nein, das mache ich nicht.

S. Tsarouchas: Ich glaube, jeder Komponist hat eine Art Markenzeichen. Was ist Ihres?

R. Portman: Falls ich ein Markenzeichen habe, ist es unbewusst. Andere Leute sagen: „Oh, ich habe sofort gemerkt, dass die Musik von dir ist.“, aber ich weiß nicht, was es ist. Es ist sehr schwer über die eigene Musik zu sprechen, weil ich wirklich nicht weiß, warum ich so komponiere. Es ist wie bei einem Maler. Er malt, was er malt, aber man hat einen Stil. Das kommt einfach von innen heraus.

S. Tsarouchas: Komponisten haben verschiedene Wege um die Musik zu einem Film zu finden. Was brauchen Sie? Die endgültige Schnittfassung, das Drehbuch?

R. Portman: Es ist egal. Ich kann anhand eines Drehbuchs oder eines Buches komponieren. Natürlich ist es für einen Filmkomponisten schön mit dem Film, mit Bildern zu beginnen. Das ist am besten für das Komponieren von Musik, die dann auch im Film endet. Wenn ich ein Thema schreiben Musik, bin ich auch glücklich, wenn ich es von einer Idee, einem Gefühl, einer Geschichte oder irgendetwas anderes beginnen kann.

S. Tsarouchas: Sie haben Kinder. Würden Ihr Mann und Sie ihre Kinder unterstützen, wenn sie das Gleiche werden wollen, wie Sie beide?

R. Portman. Natürlich würde ich meine Kinder unterstützen (lacht). Wenn eines meiner Kinder Filmkomponist werden will, würde ich es natürlich unterstützen. Ich würde alles tun um ihnen zu helfen. Ich mag es. Es ist ein wunderschönes Leben.

S. Tsarouchas: Was halten Sie vom Musikunterricht in England? Gibt es eine gute musikalische Erziehung in den Schulen?

R. Portman: Nein. Ich glaube nicht, dass wir eine sehr gute musikalische Erziehung in den Schulen haben. Ich glaube, sehr viele Leute suchen für ihre Kinderaußerhalb der Schulen durch Privatunterricht eine gute Erziehung. Es ist unterschiedlich. In Privatschulen gibt es ein gutes System, aber in den staatlichen Schulen ist der Musikunterricht nicht so gut und die Kinder mühen sich ab. Das ist natürlich sehr allgemein gesprochen. So ist es nicht überall.

S. Tsarouchas: Sie haben Musik für viele verschiedene Filmgenres geschrieben, aber nie für einen Westen oder SciFi‑Film.

R. Portman: Ich würde sehr gern eines Tages Musik für einen Western schreiben. Bei SciFi-Filmen bin ich mir nicht so sicher (lacht, Anm.). Man weiß nie, was einem so angeboten wird. Mich interessiert alles auszuprobieren. Ich bin allerdings nicht so sehr an sehr gewalttätigen Filmen interessiert.


Ausschnitte aus dem Interview gab es in der Sondersendung zur Soundtrack_Cologne 10 im Dezember 2013 zu hören.

Die englische Originalversion des Interviews gibt es >>hier<<

Joomla templates by a4joomla