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Stefanos Tsarouchas: Was halten Sie von den Proben gerade eben?

Timothy Brock: Ich glaube, für erste Proben lief es richtig gut. Die ersten Proben tendieren dazu schrecklich zu sein, aber die hier war eigentlich richtig gut. Die Musiker haben den Geist erfasst, und wenn man mit jungen und talentierten Musikern zu tun hat wie eben, passen sie sich schnell an den Klang an. Diese Generation hat so viele alte Aufnahmen von alten Musikern gehört, dass sie den Klang eigentlich schon richtig gut nachmachen können. Ob Sie es glauben oder nicht, dass ist jetzt leichter als es vielleicht in den 1980ern war. Damals konnte man die Musiker nicht dazu bringen so zu spielen. Jetzt ist es eine Art zu spielen, die sehr einzigartig ist. So haben unsere Großeltern gespielt. Das bringen sie niemanden mehr im Konservatorium bei.

S. Tsarouchas: Wie sehr mussten Sie die Instrumentierung für die Aufführungen hier in Berlin anpassen?

T. Brock: Ich musste überhaupt nichts anpassen. Ich habe die Scores so restauriert, wie sie geschrieben wurden. Ich musste allerdings einige Sachen hinzufügen, die damals nicht aufgeschrieben wurden, aber gespielt wurden. Das ist der Stil, das Ornament, die Disombi, Arpegiaturi. Das waren Sachen, die es nur in der damaligen Zeit gab. Sie haben es nicht unbedingt aufgeschrieben, aber so haben sie gespielt. Ich musste also diese Änderungen machen.

S. Tsarouchas: Und die Instrumentierung?

T. Brock: Nein, die Instrumentierung ist genau die selbe, sogar die Anzahl der Violinen ist genau die selbe. Wie man sehen kann, ist es ein kleines Orchester, eigentlich ein Tanzorchester für dieses besondere Stück, für CITY LIGHTS – LICHTER DER GROSSSTADT. Es ist ein Tanzorchester. Das Einzige, was ich nicht machen konnte wie in den alten Tagen, damals hatten sie drei Bläser, drei Saxophonisten, die auch Klarinette, Flöte, Oboe, all diese verschiedenen Instrumente spielen konnten. 1931, beim Original kann man Musiker im Hintergrund sehen, die all diese Instrumente um ihren Hals hängen haben. Sie haben auf einem gespielt, dann auf dem nächsten usw. Das ging Schlag auf Schlag. Das ist schwierig. Nun musste ich diese Instrumente aufteilen, weil es kaum Musiker gibt, die heute noch leben, die so spielen können, außer vielleicht am Broadway, aber die können nur drei Instrumente spielen. Chaplin verlangte aber von seinen Musikern, dass jeder fünf Instrumente spielen konnte!

S. Tsarouchas: Wie sieht es mit den Soundeffekten aus? Bei den Proben vorhin haben Sie gesagt, hier hören wir eine Pfeife, und wir spielen da keine Musik.

T. Brock: Ja, das variiert. Bei LICHTER DER GROSSSTADT ist es ein bißchen anders. Es gibt da einige Soundeffekte auf der eigentlichen Tonspurt, aber meistens, die Soundeffekte und eigentlich auch die Dialoge werden von der Musik dargestellt, wenn wir also eine Passage haben, bei der wir zum Geschehen auf der Leinwand spielen, ist es natürlich ein Stummfilm, und manchmal spricht die Musik sprichwörtlich, jemand bewegt seinen Mund zur Musik oder, es gibt Musik, die eine Handlung repräsentiert. Die Art wie Chaplin die Musik schrieb, ist sehr beschreibend. Jede Maßnahme tat etwas mit der visuellen Synchronisation.

S. Tsarouchas: Weshalb glauben Sie, hat Chaplin die Musik für LICHTER DER GROSSSTADT komponiert? Warum, weil er alles kontrollieren wollte?

T. Brock: (Lacht) Genau das ist es! Ich glaube, es gibt dafür zwei Antworten. Eine, mehr politisch korrekte, ist sicher alles unter einem künstlerische Aspekt zu betrachten. Chaplin wollte sicher stellen, dass alles unter seiner Aufsicht statt fand. In der Stummfilmzeit hatte der Regisseur keine Kontrolle über die Musik. Ich meine damit, dass man sehr oft einen Musikalischen Direktor anstellte, der Vorschläge machte, welche Musikstücke gespielt werden sollten. Es gab damals nur sehr wenige Scores, die tatsächlich geschrieben wurden. Kein Score wurde so geschrieben wie LICHTER DER GROSSSTADT. Da wurde die Filmmusik auch wie für einen Tonfilm geschrieben. Es war vorgesehen die Musik vorher aufzunehmen und auf die Tonspur zu legen. Chaplin hat tatsächlich zu keiner Zeit seines Lebens eine Live-Aufführung seiner Musik mit Orchester vor einem Publikum erlebt. Die Musik wurde immer im Studio aufgenommen. Ich glaube, dass er LICHTER DER GROSSSTADT komponiert hat, weil er ein bißchen auch ein Kontrollfreak war! Er wollte absolute Kontrolle über alles. Er konnte alle Rollen spielen. Er schrieb das Drehbuch, war Produzent, Regisseur, Hauptdarsteller und schrieb die Musik. Ich glaube, er machte das alles, weil er ein einheitliches Bild haben wollte. Er wollte das perfekte Bild haben, den perfekten Ton. Es sollte nicht nur den Look von Chaplin haben, die Art wie gefilmt und geschnitten wurde. Er wollte auch den Sound von Chaplin haben. Ich glaube, das ist der Grund.

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