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Betinna Hirsch: Worum geht es in Ihrem neuen Film "Helen"?

Sandra Nettlebeck: "Helen" ist eine Liebesgeschichte, und in dieser Geschichte dreht es sich um eine Frau, die glücklich verheiratet ist, die ihre Arbeit liebt, ihre Tochter liebt und trotz alle dem an einer Depression erkrankt und zwar so schwer, dass sie ins Krankenhaus kommt, und sie alles zu verlieren droht, was ihr wichtig ist im Leben.

Stefanos Tsarouchas: Wieviel persönliches steckt in "Helen"? In dem Presseheft steht, daß Sie Ihren Film einer Freundin gewidmet haben, die sich das Leben genommen hat. Andererseits steht im Presseheft auch, dass die Idee zum Film durch einen Artikel im New Yorker entstand.

S. Nettelbeck: Es steckt sehr viel persönliches in "Helen". Es steckt sehr viel Fiktion in "Helen" und sehr viel Recherche. Es ist also eine Mischung aus Allem. Ich habe eine sehr geliebte Kindheitsfreundin verloren, 1995, die sich das Leben genommen hat. Drei Jahre später habe ich den Artikel von Anthony Solomon im New Yorker gelesen. Das war das erste Mal, daß jemand so offen und klug über seine eigene Krankheit schreiben kann, das überlebt hat um davon zu berichten. Das war dann der Anstoss dafür, daß ich angefangen habe zu recherchieren und mir eine Geschichte auszudenken. Über Depression als solche kann man keinen Spielfilm machen, sondern man braucht eine Geschichte, weil die Depression sich jeder Dramaturgie entzieht und der Feind der Dramaturgie in einem Film ist. Sie besteht aus Rückzug und Zusammenbrechen von Kommunikation. Insofern wollte ich eine Geschichte erzählen in der drei, vier sich liebende Menschen dieser Krankheit begegnen, damit umgehen müssen und sich damit auseinander setzen müssen, und das überleben müssen.

S. Tsarouchas: Gillian Anderson war für die Rolle der Helen vorgesehen. Dann kam Ashley Judd hinzu. War es ein Glücksgriff, weil sie selbst unter Depressionen leidet?

S. Nettelbeck: Das kann ich nicht beurteilen,weil Ashley das vielleicht auch sehr gut gespielt hätte, wenn sie nicht das Problem hätte, wobei natürlich es ein Geschenk ist, wenn so viel persönliches in so einen Film fließt, und eine Offenbarung stattfindet, die man ja auch nicht so oft erlebt als Regisseur. Gilian war lange vorgesehen für den Film. Ich hätte auch wahnsinnig gern mit ihr gearbeitet. Es war nur dann so, daß unser Film immer weiter nach hinten rutschte, und die X‑Files plötzlich nach vorn rutschten. Es kollidierte dann, so daß wir das dann nicht mehr zusammen machen konnten. Ashley war auf mich zugekommen und hatte mir einen Brief geschrieben, weil sie das Drehbuch gelesen hatte. Insofern war es dann eine Fügung. Ich habe dann, als Gilian nicht mehr konnte, am nächsten Tag Ashley angerufen. Am übernächsten Tag war sie dabei. Da hatte ich einfach großes Glück! Ich finde, daß die Leistung, die Ashley da bringt, außerordentlich ist. Man kann natürlich nie sagen, wie es anders gekommen wäre, wenn es anders wär, aber ich bin mit dem gesamten Cast in meinen Augen sehr gesegnet gewesen.

S. Tsarouchas: Wer hat Ashley Judd das Drehbuch gegeben? Konnte sie etwas verändern, weil sie ja weiß, wie es ist depressiv zu sein?

S. Nettelbeck: Ashley hat das Drehbuch von ihrer Agentin bekommen, ohne zu wissen, daß ich schon eine Hauptdarstellerin hatte. Das war wohl in den Augen der Agentin in der Schwebe, was sich dann auch als richtig herausstellte, als ein guter Instinkt ihrer Agentin. Für uns war es ein Moment der Irretation, weil Ashley es nicht wußte und mir diesen Brief geschrieben hat. Ich mußte ihr dann sagen, daß finde ich ja total, ich bin total berührt und bewegt, aber ich habe schon eine Hauptdarstellerin. Wir hatten uns dann aber trotzdem getroffen und uns kennengelernt. Es war auch eine gute Begegnung. Ich war sehr froh darüber, weil es ja auch nicht so viele Leute gibt, die so offen damit umgehen, wie sie es tut. Was das Drehbuch anbelangt, hat Ashley nichts geändert. Das ist alles so geblieben, wie es im Drehbuch stand.

B. Hirsch: Unser Nationaltorwart Robert Enke hat sich vor wenigen Tagen das Leben genommen, und er war depressiv. Meinen Sie, daß die Krankheit jetzt ernster genommen wird und breiter öffentlich diskutiert wird?

S. Nettelbeck: Das scheint ja schon seit gestern zu passieren. Ich finde estragisch, daß jemand sterben muss, damit das passiert und ebenso tragisch ist, daß sich aber tatsächlich jemand stündlich umbringt in Deutschland aufgrund dieser Krankheit. Das findet viel zu wenig Resonanz. Das es dann eben einen Prominenten treffen muss um diese Flut von Diskussionen loszustossen, und es ist aber einfach eine Tragödie, weil es auch für ihn zu spät ist. Er konnte auch nicht gerettet werden, obwohl man ja glauben möchte, daß ihm alless zur Verfügung stand, als glücklich verheirateter Mensch, der keine finanziellen Sorgen hatte, der den Zugang hat, der einen Arzt hat, der sich ja dann bemüht. Ich finde, daß ist furchtbar schmerzlich, daß ihn letztendlich dann die Isolation ja umgebracht hat. Das er, weil er so Angst hatte, dass er sich nicht mitteilen konnte, daß er überzeugt war, so wie ich das verstanden habe, zumindest in den Berichten, daß er nicht ins Krankenhaus gehen kann, weil es sonst publik wird. Er verliert dann womöglich seine Tochter verliert. Oder er gefährdet seinen Job und, und, und. Er hätte dringend stationäre Hilfe gebraucht. Das war ja auch offensichtlich klar, sonst hätten sie es ihm ja nicht nahe gelegt, sonst wäre ja auch nicht die Diskussion entstanden. Das dann nichts passiert, ist ganz furchtbar, und es passiert nur deswegen, weil dieser Mann Angst hatte.

B. Hirsch: Bei vielen Prominenten ist es ja so, daß dieser Selbstmord auch so mitschwingt, und man es nicht nachweisen kann. Es wird tot geschwiegen, weil es natürlich auch eine unschöne Diagnose ist. Heath Ledger, man weiß nicht, hat er Tabletten genommen, oder war das ein Unfall. Insofern ist diese Botschaft, daß er sich umgebracht hat, natürlich auch ein Novum, daß das auch öffentlich gemacht wird Aber jetzt zurück zum Film, welche Botschaft hat Ihr Film?

S. Nettelbeck: Hm, daß es sich lohnt zu kämpfen, so schwer das auch sein mag. So hoffnungslos es einem auch vorkommen mag, wenn man in dieser Situation steckt. Es lohnt aber zu kämpfen! Es ist unverzichtbar sich Hilfe zu suchen. Man kann es nicht alleine schafen. Helen sagt ja auch am Anfang, 'ich schaff das schon. Ich mach das schon.', sagt sie ja auch noch im Krankenhaus zu ihrem Mann. 'Ich schaff das schon', was völlig verblendet ist. Die Botschaft des Films ist genau die, daß Depression eine Krankheit ist. Man muß sich helfen lassen. Man darf nicht aufgeben, egal wie schwer es gerade ist. Wenn man sich beide Beine zehnmal gebrochen hat, dann kann man immer noch im Bett liegen und denken, jetzt kann ich halt ein paar Wochen nicht herumlaufen, aber man hat den Kopf dafür frei, daß zu denken. Und wenn man Marathonläufer ist, tut einem das natürlich noch viel mehr weh als wenn man kein Sportler ist. Wwenn man depressiv ist, hat man diese Möglichkeit nicht mehr, weil der Kopf einem dazu nicht zur Verfügung steht, daß zu relativieren oder das zu abstrahieren und zu sagen, daß sich lösen von sich und zu sagen, dieser Zustand, das bin ich nicht, daß ist meine Krankheit. Da muß ich jetzt irgendwie durch, daß ist aber absehbar. Es wird wieder besser und zu glauben, daß es wieder besser wird, obwohl man es nicht glaubt, ist total wichtig. Ich glaube, daß eine der ganz wesentlichen Erkenntnisse sein muß, daß wenn man es selber nicht glauben kann, weil man so krank ist, dann muss man es den anderen glauben. Ja, man muß, wenn die Anderen sagen, es wird wieder besser, dann glaubt man es denen. Man muss es nicht selber sagen! Wenn die es glauben, dann überlasse ich es jetzt denen. Geht es gut oder schlecht? Wie lange dauert es? Ich überlasse es den Anderen, weil man sich einfach darüber klar sein muss, dass man es selber nicht mehr richtig einschätzen kann, was passiert.

S. Tsarouchas: Wie setzen Sie Musik ein? Für einen amerikanischen Film gab es wenig Musik.

S. Nettelbeck: Also, ich habe bei Martha ("Bella Martha", Anm. von S. Tsarouchas) nur mit existierender Musik gearbeitet. Ich hatte überhaupt gar keinen Komponisten dabei und habe stattdessen mit Manfred Eicher von ECM Records einen Score aus existierender Musik zusammengebaut, Keith Jarred, Terence Blanchard, all diese Leute und David Darling über weite Teile. Das habe ich dieses Mal ähnlich gemacht. Es ist aber dieses Mal eine Kombination geworden aus Komposition und existierender Stücken,. Darlings Musik ist wieder sehr prägnant für den Film. Diee Cello‑Musik kommt von ihm und insofern war es da eine Mischung. Ich hatte bei "Sergeant Pepper" zum Beispiel einen Komponisten, der den ganzen Score gemacht hat. Das war auch ganz toll. Das war aber eine sehr plastische Arbeit, während es bei "Helen" sehr viel atmosphärischer ist. Ich bin mir heute immer noch nicht so ganz sicher, ob es nicht doch noch mehr Arbeit bedurft hätte, weil es kompliziert ist. Atmosphärisch spielt die Musik im Film eine große Rolle. Erzählerisch spielt sie auch im Film eine große Rolle, weil die Hauptfigur nun mal eine Musiklehrerin ist, die aufhört zu spielen. Das erklärt unter anderem dann natürlich, warum die Musik sparsam eingesetzt wird. Am Anfang diese Klaviermusik, die ja so wunderbar ist, leicht und hell, die geht ja völlig weg. So etwas hören wir ja dann gar nicht mehr bis zum Schluss. Also für mich spielt es immer eine wahnsinnig große Rolle. Ich wünschte, ich würde mehr davon verstehen.

B. Hirsch: Warum wurden die beiden Instrumente, Piano für Helen und Cello für Mathilda gewählt?

S. Nettelbeck: Da habe ich keinen konkreten Grund. Es sind die beiden Instrumente, die ich liebe und die nach meinem Gefühl zu den Figuren passen. Also das Cello paßt zu Mathilda in seiner schweren und ambivaltenten Art. Das Klavier in der Fertigkeit und dem Tempo, das da drin steckt zu und was man da verliert, zu Helen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass Helen Gitarre spielt.

S. Tsarouchas: Warum haben Sie den Film nicht hier in Deutschland, mit deutschen Schauspielern gedreht?

S. Nettelbeck: Ich habe das von Anfang als eine amerikanische Geschichte angelegt. Ich habe auf Englisch geschrieben, unter anderem weil ich da meine ganze Recherche gemacht habe und weil es hier nicht wirklich etwas zu recherchieren gab Mitte der 90er. Da war das einfach noch viel zu dünn gesät, was es an Literatur dazu gab. Das heißt, ich landete natürlich auch durch Solomon schon automatisch in der Literatur darüber und den  Berichten von Patienten. Das gab es in dieser Form hier noch nicht. Das hat die Geschichte sehr geprägt gemacht. Für mich war die Haltung, die die Figuren im Film haben, sehr amerikanisch. Ich schreibe wahnsinnig gerne auf Englisch. Ich wollte aber eben den Film entsprechend besetzen, daß ich auch noch eine Chance habe, daß sich die Leute in sich angucken. Ich glaube, daß ein deutscher Film über Depression so eine Sache ist. Ich meine, es ist ja auch nicht wirklich ein Film über Depression. Es ist eine Liebesgeschichte in der Depression wohl eine wichtige Rolle spielt. Ich hatte so das Gefühl, wenn ich den Film in Deutschland mache, dann wird das aber so eng und klein und kann so leicht verschwinden. Ich hoffe natürlich, dass es jetzt nicht passiert.

S. Tsarouchas: In der Regel sind Sie immer Regisseurin und Drehbuchautorin. Warum? Wollen sie nichts aus der Hand geben?

S. Nettelbeck: Also, das hat zwei Gründe. Ich habe noch nie ein Drehbuch geschrieben in der Absicht, es aus der Hand zu geben. Wenn ich mit diesem Vorsehen angefangen habe, dann habe ich mich immer so verliebt in den Stoff, daß ich es dann irgendwann nicht mehr hergeben wollte. Es hat sich aber auch nie wirklich so ergeben. Das ich noch nie ein fremdes Buch verfilmt habe, liegt einfach daran, daß ich einfach keine guten Bücher kriege. Oder ich bekomme gute Bücher, die mir zu fremd sind. Wenn man selber schreibt, ist es auch eine Gradwanderung. Ich habe zwei, drei ganz tolle Bücher aus Amerika ausgelesen, die habe ich dann aber nicht bekommen..

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