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Timo HietlaStefanos Tsarouchas: Was haben Sie gedacht, als Sie gehört haben, dass Ihre Musik zu FENSTER ZUM SOMMER für den Deutschen Filmpreis 2012 nominiert ist?

Timo Hietala: Ich habe zuerst einen Anruf von der Produzentin Maria Köpf bekommen. Ich dachte, dass ist ein Scherz. Ich war mitten drin in Proben am Nationaltheater in Helsinki. Plötzlich bekomme ich diesen Anruf und denke: “Hey, Maria verarscht mich!” (lacht), weil ich erst vor zwei Monaten habe ich den Finnischen Filmpreis “Jussi” bekommen habe. Ich dachte also, dass ist ein Scherz (lacht). Das kann nicht wahr sein.

S. Tsarouchas: Wissen Sie warum Ihre Musik nominiert wurde?

T. Hietala: Nun, ich weiß wirklich nicht (lacht). Ich hoffe, es ist wegen der Musik. Wir haben wirklich sehr lange mit dem Regisseur Hendrik Handloegten daran gearbeitet. Das waren eigentlich 1 ½ Jahre mit diesem Projekt. Das war ein sehr langer Prozess und ich habe es zur gleichen Zeit komponiert und mit der Cutterin Elena Bromund gearbeitet. Es hat sehr viel Spaß gemacht, weil ich die Musik komponierte, während man zur gleichen Zeit am Schnitt saß. Wir hatten schon vorher sehr viel Material. Es war ein echter Luxus so viel Zeit zu haben.

S. Tsarouchas: Das ist sehr ungewöhnlich. Im Deutschen Presseheft war noch zu lesen, dass der Regisseur Ihnen auch Lieder gegeben hat. Er hatte schon eine bestimmte Musikvorstellung im Kopf.

T. Hietala: Ja. Der erste Kontakt mit Hendrik war so, das er mir eine Mail schickte. Er hatte diese verrückte Idee ein altes Finnisches Volksinstrument, die Kantele zu verwenden. Das ist ein Zupfinstrument und ich dachte: „Wie ungewöhnlich? Das ist eine gute Idee.“ Dann machte ich das erste Demo. Ich war von der Idee begeistert und habe das Demo zu Hendrik geschickt. Eine Woche später flog er nach Helsinki. So hat alles begonnen.

S. Tsarouchas: Warum hat er Sie als Filmkomponisten genommen?

T. Hietala: Er wollte einen Finnischen Komponisten haben, weil die Geschichte mit Finnland zu tun hat und dort spielt, deshalb wollte er jemanden aus Finnland. Maria Köpf, unsere Produzentin von Zentropa hat Liisa Penttilä, die Finnische Produzentin bei Zentropa angerufen. Lisa hat gesagt, dass sie jemanden kennt (lacht) und das war ich.

S. Tsarouchas: Wissen Sie vielleicht, ob noch ein anderer finnischer Komponist im Gespräch war?

T. Hietala: Nun, das ist eigentlich ein Geheimnis. Das darf Hendrik nicht wissen. Maria sagte, dass Hendrik, er ist wirklich … sehr strikt und wenn er sich einmal entschieden hat... Was Musik an geht, kennt er sich sehr gut aus. Es ist nicht immer leicht mit ihm zu arbeiten, weil er sehr viele eigene Ideen hat. Meine Finnische Produzentin wusste, dass ich schon mit einigen Regisseuren gearbeitet habe, die wirklich perfekte (lacht) Typen sind und sich mit Musik auskennen. Das war vielleicht auch ein Grund.

S. Tsarouchas: Ist es schwierig für Sie mit so einem Regisseur zu arbeiten, der schon weiß was er will, welche Musik er will und der vielleicht auch seinen eigenen Temp Track mitbringt, wie er es getan hat? Das Sie dann vielleicht auch einen Score so wie den Temp Track komponieren müssen?

T. Hietala: Nun, es ist nicht schwer, wenn der Regisseur einen guten Musikgeschmack hat (lacht) und er weiß, was er will, wenn ich mir denken kann, warum er es will. Es ist okay, wenn es einen guten Grund dafür gibt, es zur Geschichte und zum Film passt. Die Taktik eines Komponisten beginnt in so einem Fall sehr früh. Zum Beispiel wenn ein Regisseur Demos mit früheren Arbeiten von mir will, sage ich: “Ich schicke nichts.”

S. Tsarouchas: Warum nicht?

T. Hietala: Weil ich weiß, er hat seinen eigenen Geschmack. Ich habe gefragt, was er denn will und was seine Lieblingsmusik ist und danach schicke ich ihm etwas. Wir haben uns also schon ausgetauscht als wir angefangen haben. Das war leichter so.

S. Tsarouchas: Wer kam auf die Idee, dass Russische Volkslied “Schwarze Augen” zu verwenden?

T. Hietala: Das war Hendriks Idee. Das war wirklich toll, weil ich eigentlich sehr an Orchestration und Arrangements interessiert bin. Ich sagte: „Nun, ich kann dir ein paar verschiedene Arrangements machen.“ Ich machte dann eins als Bossa Nova in Dur. Im Original ist es Moll. Dann hatten wir noch eins im Film Noir-, Agenten-Stil, Jazz. Das hat viel Spaß gemacht. Am Anfang war es wie ein Spiel. Ich schrieb auch ein Arrangement für Drehorgeln, den Berliner Leierkasten, aber wir konnten sie aus Rechtegründen nicht verwenden. Ich habe dann eine Papierrolle für Drehorgel gemacht, kam nach Berlin und hab in der U‑Bahn gespielt. Es klingt super, aber wir konnten es leider nicht verwenden. Das war schon etwas enttäuschend. Das Stück ist nicht im Film und leider auch nicht auf der Soundtrack‑CD.

Die Soundtrack-CD zu Fenster im Sommer bei AmazonS. Tsarouchas: Sie haben eben über die Urheberrechte gesprochen. Wie ist die Lage für Finnische Filme? Ist es genau so schwer wie in Deutschland?

T. Hietala: Immer, ja. Wir haben dieses System in Finnland, bei dem wir alle Musiker bezahlen, die bei einem Stück mitspielen. Aus diesem Grund habe ich die Source Musik bei vielen Filmen selbst gestaltet. Zum Beispiel habe ich einmal sogar Musik im Bollywood Stil gemacht (lacht), weil wir die Rechte aus Indien nicht bekommen haben. Ein Freund von mir reiste durch Indien und hat einen Bollywood Sänger aufgenommen. Daraus haben wir dann die Stücke in Helsinki gemacht (lacht). Da passieren wirklich seltsame Dinge. Bei FENSTER ZUM SOMMER hatten wir eine Idee für die letzte Szene auf der Fähre. Da ist eine Disco. Wir wollten ein Stück verwenden, aber es war wirklich schwer ein gutes Lied zu finden, das zum Geschehen passt. Ich habe dann die Musik sozusagen von hinten aufgezogen. Wir haben diesen Disco‑Beat, darauf liegt ein chorales Thema, sehr langsam. Ich dachte, dass ist richtig nett, aber die Sourcemusik und Copyrights, das ist immer ein großes Problem (lacht), aber das ist auch gut für die Komponisten, denn das heißt, ja wir haben dann mehr Arbeit (lacht).

S. Tsarouchas: Manche Komponisten arbeiten immer mit dem gleichen Orchester. Manche gehen nach Prag, weil es dort billig ist. Was halten Sie davon? Manche Komponisten mögen nicht den Stil in dem dort gespielt wird.

T. Hietala: Also ich bin richtig glücklich, weil ich hier in Finnland die Möglichkeit haben mit den besten Musikern im Klassikbereich zu arbeiten. Zum Beispiel haben wir bei diesem Score Kari Kriikku. Er ist vielleicht einer der bekanntesten Klarinettenspieler der Welt. Ich bevorzuge es deshalb, vielleicht 15 sehr gute Musiker zu haben, als viele Musiker für wenig Geld. Das hört sich manchmal nicht so gut an, aber das ist von Fall zu Fall anders. In Helsinki, in Finnland haben wir das Privileg, dass wir diese großartigen Musiker im Klassikbereich haben. Man kann sie für Filmmusikaufnahmen buchen. Ich weiß, dass es viel schwerer ist, großartige Musiker im Klassikbereich hier in Berlin für Aufnahmen zusammenzubringen. In Finnland sind meine Chancen da schon größer. (lacht)

S. Tsarouchas: Der Soundtrack des Films ist eine Mischung aus orchestraler und elektronischer Musik. Welchen Stil mögen Sie mir? Orchestrale, sinfonische Musik oder Synthesizer?

T. Hietala: Nun, das hängt vom Film ab, von der ganzen Geschichte. Die Atmosphäre ist die wichtigste Sache. Das bedeutet, jede Orchestration ist anders, aber Filmmusik ist kreativ. Sie hat den Vorteil, dass man verschiedene Stilrichtungen und Genres zusammenführen kann. Zum Beispiel bei der Musik zu FENSTER ZUM SOMMER haben wir die Kantele. Das ist ein Volksinstrument. Wir haben klassische Klarinettenspieler. Dann haben wir einige Synthesizer und Samples. Wir können alles zusammenmischen. Das ist wirklich interessant. Natürlich ist es bei Filmmusik auch toll, dass sie nicht eine bestimmte Musikrichtung verkörpert. Zum Beispiel kann sie nicht zu ethnisch, zu sehr Jazz oder Klassik sein. Man muss den Mittelweg finden. Ich glaube alle guten Soundtracks haben ihren eigenen Klang, und ich mochte die Idee von Regisseur Hendrik Handloegten in diesem Film, das er einen Klang wollte, wie es ihn sonst nicht in anderen Filmen gibt. Ich mochte die Idee. Ich kenne keine andere Filmmusik, die als Basis die Kantele hat, auf der minimalistische Musik gespielt wird, auch nicht hier in Finnland. So weit ich weiß, wurde die Kantele noch nie so eingesetzt.

...

S. Tsarouchas: Wir haben über die verschiedenen Stile gesprochen. Wie komponieren Sie im Allgemeinen? In Deutschen Filmen gibt es ja nicht so viel Musik?

T. Hietala: Nun, das ist ja immer anders. Wenn man schon vor dem Dreh mit der Zusammenarbeit beginnt, ist die Chance viel größer besser mit den Cuttern zu arbeiten. Man kann sich besser austauschen, wo Musik passt oder nicht. Wenn man aber erst mit dem fertig geschnittenen Film beginnt, dann ist es ganz anders. Jede Idee kommt auf Grund des Drehbuchs zustande. Bei FENSTER ZUM SOMMER war es zum Beispiel so, dass im Drehbuch das Wiegenlied aus Finnland erwähnt wurde. Hendrik wollte es unbedingt haben. Es stand so im Drehbuch. Ich habe dann den Stil daraus ein wenig in anderen Sachen verwendet. Ich denke schon, dass es bei jedem Film anders ist, aber wenn man früh genug dabei ist, hilft das allen.

S. Tsarouchas: Was halten Sie von dem Deutschen Stil, eher so wenig Musik wie möglich zu verwenden? Ich weiß nicht, ob Sie den Begriff “Berliner Schule” kennen?

T. Hietala: Ja.

S. Tsarouchas: In der Regel läuft es bei Deutschen Filmen ja eher so ab.

T. Hietala: Nun, normalerweise sage ich zum Regisseur folgendes: “Wenn Du einen Komponisten beauftragst und wir am Ende entscheiden gar keine Musik im Film zu verwenden, musst Du den Komponisten bezahlen, denn wir haben diese Arbeit gelernt.” Ich glaube, dass ist ein guter Standpunkt. Ich mag eigentlich auch die Idee keine Musik zu verwenden. Dann gibt es natürlich den Amerikanischen Stil, Musik wie einen Teppich zu verwenden. Das wird dann in Prag mit dem Sinfonieorchester eingespielt, weil es billig ist. Sie nehmen eine halbe Stunde Musik in einem Tag auf und die Kasse klingelt immer. … Für Musiker oder Komponisten ist es nicht sehr interessant, aber ich muss sagen, dass ich manchmal über Situationen sehr glücklich bin, wo die Regisseure Musik haben wollen und ich sage: “Kommt nicht in Frage!”. Ich bin sehr glücklich über diese Momente, wenn ich nichts spiele (lacht) … Das sind einige meiner besten Stücke! (lacht).

S. Tsarouchas: Orchestrieren und dirigieren Sie Ihre Musik?

T. Hietala: Ja. Ich glaube bei Filmmusik, eigentlich bei jeder Musik, ist das Orchester sehr wichtig. Ich mag es nicht so sehr, wenn es ein anderer macht (lacht). In Hollywood und natürlich auch bei großen Produktionen muss man sich sehr beeilen. Sie machen es dann. Sie besorgen sich eine Menge Orchestratoren, aber der Hauptgrund dafür ist, der Komponist kann nicht orchestrieren (lacht). Tut mir leid.

S. Tsarouchas: Was halten Sie von der Rolle der Filmmusik im Allgemeinen? Wenn sie eine Art Schauspieler ist und vom Klang der Musik weiß man, dass gleich etwas passiert?

T. Hietala: Musik ist wirklich gut um zu manipulieren. Wenn ich Filmmusik lehre, sage ich immer, dass Musik aus fünf Elementen besteht: Das sind Melodie, Rhythmus, Harmonie, Instrumentation und die Struktur. Im Film hat man die gleichen Elemente. Die Melodie ist wie ein Dialog. Der Rhythmus ist der Schnitt des Films. Harmonie ist die Stimmung und die Emotionen passieren … zum Beispiel die Instrumentation ist der Schauplatz an dem gedreht wird usw. Man kann wirklich im Zusammenhang mit den Bildern manipulieren. Es gibt da viele Möglichkeiten.

S. Tsarouchas: Aber ist es so schlecht die Zuschauer zu manipulieren?

T. Hietala: Nun (lacht) … gute Frage! Es ist eine Frage des Geschmacks. Ich muss sagen, dass Musik die schnellste Art und Weise ist Emotionen zu wecken und in Gang zu bringen. Wir sind in der Filmindustrie deshalb sehr glücklich, wenn wir es schaffen jemanden zum Weinen zu bringen und wirkliche Emotionen hervorzurufen, aber Filmmusik ist genauso voller Klischees. Manchmal funktionieren sie und manchmal sind es einfach nur große Klischees.

S. Tsarouchas: Sie haben gesagt, dass Sie Filmmusik unterrichten. Wo lehren Sie?

T. Hietala: Ab und an. Manchmal in der Helsinki Filmschule, manchmal privater Unterricht. ...

S. Tsarouchas: Wenn jemand zu Ihnen kommt und sagt: “Ich möchte Filmkomponist werden.” Was glauben Sie, was muss derjenige alles mitbringen und können? Eine gutes Wissen über Film, Musik im Allgemeinen?

T. Hietala: Nun, ich denke, er muss Orchestrieren und Arrangieren können, Dinge schnell ändern und Improvisation ist sehr wichtig. Wie ich schon vorhin bei den Elementen der Musik sagte, man kann zum Beispiel nicht sehr viele Melodien verwenden, wenn es viel Dialog im Film gibt. Man muss deshalb im Bezug auf Dialog improvisieren können. Miles Davis sagte: “Spiel nach mir, nicht mit mir!” Das ist … in der Regel, wenn ich anfange und zum ersten Mal den Film sehe, improvisiere ich etwas auf dem Computer und nehme alles auf, weil ich mich als Publikum sehe. Ich sehe zum ersten Mal den Film und man kann nicht genug übertreiben, wenn man den Film zum ersten Mal sieht, weil man nicht weiß, was passiert (lacht). Das ist gute Chemie.

S. Tsarouchas: (…) Ich will zwei Tracks aus dem Soundtrack zu FENSTER ZUM SOMMER in der Sendung verwenden. Können Sie bitte zwei heraussuchen und dazu etwas sagen?

T. Hietala: Das letzte Stück, der “End Title”, denn habe ich zuerst für den Regisseur Hendrik Handloegten geschrieben. Das war einfach nur improvisiert, der erste Versuch und er mochte es. Ein anderes ist “Fernster zum Sommer Ende”. Das war ein Demo. Hendrik gab es Nina Hoss. Sie hat sich das Stück während des Drehs angehört. Ich habe dann nach einer Weile gesagt, lasst uns was anderes machen. Nina sagte: “Wenn Du eine Note änderst, will ich nichts mit dem Film zu tun haben!” (lacht) Sie wollten das Stück behalten und letztendlich bin ich glücklich, dass es da ist.

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